Der Zug (Kurzgeschichte)

Der Zug.

Kaum war die Nacht hereingebrochen, begannen wieder meine Fieberträume. Ich saß an einem Tisch und schaute aufs Meer. Obwohl heute die Sonne schien, fiel mir das Atmen schwerer als die letzen Tage – aber ich war noch nicht fertig.

Der Zug. Ein unbezwingbarer eiserner Koloss, der sich in eine Richtung bewegt, unabhängig der Tatsache, dass widrige Umweltbedingungen ein innehalten des einzelnen Menschen erzwingen könnten. Aber halt, ein Zug ist auch eine Menschenmenge, die sich durch schier endlose Wüsten oder Kälte bewegt. Schauen wir von oben auf sie, bewegt sie sich doch mit stoischer Gelassenheit durch die rauhe Natur. Kommen wir näher heran sehen wir das einzelne Leid, der kleinen Puzzelsteine der amorphen Masse. Wie oft in der Geschichte der Menschheit wälzen sich solche Züge durch die Natur? Auch der eiserne Zug wälzt sich gelassen durch die Unwirtlichkeit. Schauen wir in die Abteile sehen wir Leichtigkeit, Erholung und Kreativität. Ein fein gekleideter Herr liest ein Buch von Alexandre Dumas. ..und da! Eine äußerst liebreizende Dame beherrscht die nonverbale Kommunikation perfekt. Das sanfte Heben ihrer Brust, kaum merklich. Der versteckte Augenschlag, das nur in Nuancen spielende Bewegen der Hüftmuskulatur, dass ihr Kleid in eine fast zeitlupenhafte Bewegung versetzt und dadurch eine Mischung aus franz. Parfüm und ihrer selbst Preis gibt. Der Gegenüber, ein junger Soldat hängt an ihren Lippen und lauscht den wohlgesetzten Worten der Dame. Weiter hinten schläft eine ältere Frau mit zufriedenem Gesicht an der Schulter ihres wohl gleichaltrigen Mannes. Auch sie scheinen zufrieden. Der Zug ist hier ein Ort der Geborgenheit und der Ruhe. Der Zug ist auch im Kleinsten stark und kräftig.

Doch! Was ist das? Der Zug kämpft sich in die eine Richtung der Rauhigkeit und die Menschenmengen in die andere. Das glitzernde Stahlgefährt erzeugt auf einmal gleisendes Licht, als die Sonne aus den aufgetürmten Sturmwogen der Gewalten des Äther, der Luft, des Wassers und der Erde herausbricht. Ja SIE ist der Mediator allen dynamischen SEINS. Der Hüter der unabänderlichen Bewegung, der Förderer und Rhythmusgeber der ständigen Veränderung der Elemente. Aber auch der unbarmherzige Zerstörer der Trägheit und des Stillstands. Sie ist zwingt die graue Masse der Menschen dazu, wenigsten kurz den Blick in den Himmel zu richten.

Auf einmal erkenne ich: Die Sonne spiegelt sich in dem Zug der Zufriedenheit. Ja, das ist der Begünstigte. Es ist der Zug der NATUR. Auf einmal wird mir heiß und kalt! Warum bewegen sich nur diese Massen, geführt durch einige wenige schattenhafte vampirös und ungesund wirkende Vorläufer gegen diese Macht aus Elementen, die in der Sonne gleist?

Ist das das berühmte Rudern gegen den Strom? Nein. Ich schaue wieder genauer hin, uns sehe einige starke kräftige Lebewesen gegen die Menschenmassen laufen. Das war wohl damit gemeint, mit dem „Rudern“. Ja, gegen den Zug der Natur sollte man wohl lieber nicht schwimmen, früher oder später wird man vermutlich zermalmt. Ich sehe, die Lebewesen, die gegen die Menschenmassen laufen, wollen auf den Zug der Natur aufspringen. Schaut man genau hin erkennt man Pflanzen, Tiere und auch Menschen. Der Zug der Natur scheint unendlich lang. Man hat das Gefühl, Lok und letzter Wagon währen in einem Ring verknüpft. Es sieht so aus, als wäre es nie zu spät, den Zug der Natur zu benutzen. Sie hält uns immer wieder die Hände mit einem wahren Blumenstrauß von Füllhörnern hin. Leute – warum greifen den so wenig zu. Hier dürfen wir! Überall Freude in den Wagons und Platz für alle. Keine Zwänge, einfach nur Sein.

Alles verschwimmt, durch das Fenster sehe ich wieder das Einheitsgrau. Mein Zustand sagt mir, dass ich wohl ein Teil der großen Masse bin, gegen den überfließenden leuchtenden Strom und Zug der Natur schwimmt. Ich glaube, ich sollte mich aufraffen, gegen die graue Ignoranz der Massen anzuschwimmen und ich weiß, die Natur gibt mir die Kraft dazu die ich brauche. Kraft, die leuchtend, hell und gesund über alle strahlt.


[waechter, 20.03.2010]